Der Mann, der an diesem Julitag des Jahres 1908 als Erster das Londoner White City Stadium erreichte, wusste offenbar nicht mehr, wo er war. Dorando Pietri, ein kleiner italienischer Läufer, bog zunächst in die falsche Richtung ab. Als ihn die Kampfrichter korrigierten, schwankte er weiter, brach zusammen, stand wieder auf und fiel erneut. Mehrfach versuchte Pietri, die letzten Meter bis zur Ziellinie aus eigener Kraft zu überwinden. Schließlich halfen ihm Offizielle auf die Beine.
Pietri erreichte das Ziel vor allen anderen. Olympiasieger wurde er trotzdem nicht.
Weil er fremde Hilfe angenommen hatte, wurde der Italiener nach einem Protest disqualifiziert. Gold ging an den US-Amerikaner Johnny Hayes. Doch während Hayes als Sieger in den Ergebnislisten steht, blieb Pietri im Gedächtnis. Fotografien seines taumelnden Zieleinlaufs gingen um die Welt und machten sichtbar, was den Marathon bis heute von fast allen anderen Laufdisziplinen unterscheidet: Auf diesen 42,195 Kilometern kann ein Wettkampf innerhalb weniger Augenblicke von sportlicher Kontrolle in ein existenzielles Ringen umschlagen.
Dass der olympische Marathon von London genau 42,195 Kilometer lang war, hatte weder sportwissenschaftliche noch medizinische Gründe. Die Strecke ergab sich aus den örtlichen und höfischen Anforderungen der Spiele. Gestartet wurde auf dem Gelände von Windsor Castle, das Ziel lag im Stadion vor der königlichen Loge. Aus dieser Wegführung entstanden jene 26 Meilen und 385 Yards, die später zur weltweit verbindlichen Marathondistanz wurden.
Die Geschichte des Marathons handelt deshalb nicht nur von Rekorden und Siegern. Sie erzählt von einer antiken Legende, die im 19. Jahrhundert neu erfunden wurde, von nationalem Pathos und kolonialer Unterdrückung, von Frauen, die gegen ihren Ausschluss anliefen, und von einer Distanz, die sich vom elitären Wettbewerb weniger Athleten zum globalen Breitensport entwickelte.
Der Marathon wirkt wie ein Relikt der Antike. Tatsächlich ist er eine moderne Erfindung mit einem antiken Namen.
Der Mythos vom Boten aus Marathon
Am Anfang steht eine der bekanntesten Erzählungen der Sportgeschichte. Nach dem Sieg der Athener über das persische Heer in der Schlacht bei Marathon im Jahr 490 vor Christus soll ein Bote vom Schlachtfeld nach Athen gelaufen sein. Dort habe er den wartenden Bürgern den Sieg verkündet und sei unmittelbar danach vor Erschöpfung zusammengebrochen und gestorben.
Der Läufer wird heute meist Pheidippides genannt. Seine angebliche Botschaft ist in verschiedenen Varianten überliefert und wird häufig sinngemäß mit „Wir haben gesiegt“ wiedergegeben. Es ist eine wirkungsvolle Geschichte: Ein einzelner Mensch überwindet eine gewaltige Distanz, erfüllt seine Pflicht und bezahlt dafür mit dem Leben. Ausdauer, Opferbereitschaft und Patriotismus verdichten sich in wenigen dramatischen Augenblicken.
Historisch belegt ist dieser Lauf allerdings nicht.
Die früheste erhaltene ausführliche Quelle zur Schlacht bei Marathon stammt vom griechischen Historiker Herodot. Auch bei ihm kommt ein außergewöhnlicher Botenläufer namens Pheidippides beziehungsweise Philippides vor. Doch Herodot schickt ihn nicht nach der Schlacht von Marathon nach Athen, sondern bereits vorher von Athen nach Sparta.
Die Athener benötigten Unterstützung gegen das heranrückende persische Heer. Pheidippides sollte die Spartaner um militärische Hilfe bitten. Nach Herodots Bericht erreichte der professionelle Langstreckenbote Sparta bereits am Tag nach seinem Aufbruch. Je nach angenommener Route musste er dafür eine Strecke von ungefähr 240 Kilometern zurücklegen – ein Lauf, der die später berühmt gewordenen rund 40 Kilometer von Marathon nach Athen deutlich übertraf.
Herodot berichtet dagegen nicht, dass Pheidippides nach dem Sieg nach Athen lief, dort eine Botschaft ausrief und starb. Diese dramatische Fassung erscheint erst in wesentlich späteren Überlieferungen. Andere antike Autoren nennen zudem andere Boten und andere Namen. Offenbar wurden im Laufe der Jahrhunderte mehrere Erzählungen miteinander verbunden: der tatsächlich überlieferte Lauf nach Sparta, die eilige Rückkehr der athenischen Streitkräfte nach der Schlacht und die Geschichte eines erschöpften Siegesboten.
Aus diesen Bestandteilen entstand schließlich der Mythos, den heute fast jeder mit dem Marathon verbindet.
Das macht die Geschichte nicht wertlos. Mythen müssen nicht historisch exakt sein, um kulturelle Wirkung zu entfalten. Entscheidend ist, welche Vorstellungen sie transportieren. Der Bote aus Marathon verkörpert die Idee, dass der menschliche Wille den Körper über seine vermeintlichen Grenzen hinaustragen kann. Genau dieses Motiv wurde mehr als zwei Jahrtausende später aufgegriffen, als der moderne Marathon entstand.
Mit einer antiken Sporttradition hatte das zunächst wenig zu tun. Bei den Olympischen Spielen des Altertums gab es zwar verschiedene Laufwettbewerbe, aber keinen Marathon. Gelaufen wurde über kurze und mittlere Distanzen, die sich an der Länge des Stadions orientierten. Ein Wettkampf über rund 40 Kilometer gehörte nicht zum antiken olympischen Programm.
Der Marathon ist daher kein wiederentdeckter Wettbewerb aus der Antike. Er ist eine im 19. Jahrhundert geschaffene Disziplin, die sich bewusst auf eine antike Erzählung berief.
Athen 1896: Als aus der Legende ein Wettkampf wurde
Ende des 19. Jahrhunderts begeisterten sich europäische Intellektuelle, Pädagogen und Sportfunktionäre für die Vorstellung, die Olympischen Spiele wiederzubeleben. Einer von ihnen war der französische Sprachwissenschaftler Michel Bréal. Er schlug vor, bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit einen Langstreckenlauf vom Ort Marathon nach Athen auszutragen.
Bréals Idee war ebenso sportlich wie dramaturgisch. Die neuen Spiele sollten nicht einfach eine Reihe moderner Wettkämpfe bieten. Sie benötigten Symbole, Geschichten und eine Verbindung zur idealisierten Welt des antiken Griechenlands. Kaum eine Erzählung eignete sich dafür besser als die des Boten, der nach Athen gelaufen sein sollte, um den Sieg über die Perser zu verkünden.
So wurde aus einer historischen Legende eine neue Sportart.
Am 10. April 1896 stellten sich 17 Läufer in Marathon zum ersten olympischen Rennen dieser Art auf. Die Strecke bis zum Panathenäischen Stadion in Athen war ungefähr 40 Kilometer lang. Eine offizielle, international festgelegte Marathondistanz existierte damals noch nicht.
Im Mittelpunkt des griechischen Interesses standen zunächst andere Athleten. Die Gastgeber hatten bei den Laufwettbewerben der ersten modernen Spiele bis dahin keine Goldmedaille gewonnen. Umso größer war die Bedeutung des abschließenden Marathons. Ein griechischer Sieg hätte nicht nur sportlichen Wert besessen, sondern die Verbindung zwischen dem modernen Wettbewerb und der nationalen Vergangenheit Griechenlands scheinbar bestätigt.
Als Spyridon Louis als führender Läufer das Stadion erreichte, verwandelte sich der Wettkampf in ein nationales Ereignis. Louis gewann in 2:58:50 Stunden. Der bis dahin weitgehend unbekannte Grieche wurde innerhalb weniger Minuten zum Volkshelden. Sein Sieg lieferte den jungen Olympischen Spielen genau jene Geschichte, die sie benötigten: Ein griechischer Läufer gewann eine Disziplin, deren Ursprung angeblich mehr als 2.000 Jahre in die Vergangenheit seines Landes zurückreichte.
Historisch war diese Kontinuität konstruiert. Emotional funktionierte sie sofort.
Der Erfolg von Athen zeigte, dass der Marathon mehr bieten konnte als einen reinen Leistungsvergleich. Er besaß eine Handlung: den langen Weg, die zunehmende Erschöpfung, das ungewisse Ende und den triumphalen Einlauf in ein Stadion. Während andere Wettbewerbe innerhalb weniger Sekunden entschieden waren, entwickelte sich der Marathon über Stunden. Das Publikum konnte hoffen, rechnen, zweifeln und mit den Läufern leiden.
Damit war das Grundmuster geschaffen, das den Marathon bis heute prägt.
Boston macht den Marathon dauerhaft
Nur ein Jahr nach den Spielen von Athen erreichte die neue Disziplin die Vereinigten Staaten. Am 19. April 1897 veranstaltete die Boston Athletic Association einen Langstreckenlauf nach olympischem Vorbild. Gerade einmal 15 Männer gingen an den Start. Die Strecke war etwa 24,5 Meilen lang und damit kürzer als die heute üblichen 42,195 Kilometer.
John J. McDermott gewann in 2:55:10 Stunden. Aus dem kleinen Rennen entwickelte sich der Boston Marathon, der heute als ältester jährlich ausgetragener Marathon der Welt gilt.
Boston war für die Entwicklung des Marathons von großer Bedeutung. Der Wettkampf löste sich damit aus dem unmittelbaren Zusammenhang der Olympischen Spiele. Aus einer einmaligen Inszenierung in Griechenland wurde eine regelmäßig ausgetragene Sportveranstaltung.
Weitere Rennen folgten. Eine verbindliche Streckenlänge gab es jedoch weiterhin nicht. Veranstalter orientierten sich an vorhandenen Straßen, geeigneten Startorten und den örtlichen Gegebenheiten. Mal war ein Marathon ungefähr 40 Kilometer lang, mal etwas mehr als 42 Kilometer. Die Zeiten verschiedener Rennen ließen sich daher nur eingeschränkt miteinander vergleichen.
Erst die Olympischen Spiele von London sollten jene ungewöhnlich genaue Distanz hervorbringen, die heute weltweit als selbstverständlich gilt.
London 1908: Wie der Marathon zu seinen 42,195 Kilometern kam
Die häufig erzählte Erklärung klingt fast zu passend, um wahr zu sein: Die britische Königsfamilie habe verlangt, dass ihre Kinder den Start des olympischen Marathons vom Windsor Castle aus beobachten konnten. Anschließend sei das Ziel so verlegt worden, dass die Läufer direkt vor der königlichen Loge im White City Stadium ankamen.
Die tatsächlichen Planungen waren etwas komplexer. Fest steht jedoch, dass der Start auf dem Gelände von Windsor Castle lag und das Ziel vor der königlichen Loge eingerichtet wurde. Daraus ergab sich eine Strecke von 26 Meilen und 385 Yards – umgerechnet 42,195 Kilometer.
Die Zahl, die heute beinahe naturgesetzlich wirkt, war somit das Ergebnis einer konkreten Londoner Wegführung. Sie entsprach weder der historischen Entfernung zwischen Marathon und Athen noch einer sportmedizinisch berechneten Belastungsgrenze.
Berühmt wurde das Rennen allerdings nicht wegen seiner Vermessung, sondern wegen Dorando Pietri.
Der Italiener erreichte das Stadion als Führender, war nach der langen Belastung aber kaum noch in der Lage, sich zu orientieren. Die letzten Meter wurden zu einem öffentlichen Zusammenbruch. Pietri fiel, wurde aufgerichtet, setzte sich wieder in Bewegung und brach erneut ein. Erst nach mehreren dramatischen Minuten überquerte er die Ziellinie.
Kurz darauf erreichte Johnny Hayes das Ziel. Die amerikanische Mannschaft protestierte gegen die Unterstützung, die Pietri von den Offiziellen erhalten hatte. Der Protest war regeltechnisch berechtigt: Pietri wurde disqualifiziert, Hayes zum Olympiasieger erklärt.
Doch das Publikum hatte seinen Helden bereits gefunden. Pietri hatte den Wettkampf offiziell verloren und zugleich das wirkmächtigste Bild dieser Olympischen Spiele geschaffen. Sein Scheitern verlieh dem Marathon eine menschliche Dramatik, die ein souveräner Sieg kaum hätte erzeugen können.
Die Londoner Streckenlänge wurde anschließend noch nicht sofort zum allgemeinen Standard. Auch in den folgenden Jahren fanden Marathonläufe über unterschiedliche Distanzen statt. Erst 1921 legte der internationale Leichtathletikverband 42,195 Kilometer als verbindliche Länge fest. Damit wurde aus einem Zufallsprodukt der Londoner Streckenplanung eine globale Norm.
Seitdem entscheiden Zentimeter darüber, ob ein Kurs rekordfähig ist. Die Strecke darf nicht zu kurz sein, ihre Vermessung folgt festgelegten Verfahren, und auch das Gefälle sowie die Entfernung zwischen Start und Ziel spielen bei der Anerkennung von Rekorden eine Rolle. Die scheinbar willkürliche Zahl von 42,195 Kilometern ist längst zu einer der präzisesten und bekanntesten Distanzen des Weltsports geworden.
Als ein Sieger nicht unter seinem eigenen Namen laufen durfte
Mit wachsender internationaler Bedeutung wurde der Marathon auch zu einer politischen Bühne. Kaum ein Rennen verdeutlicht das eindringlicher als der olympische Marathon von Berlin 1936.
Als der Sieger in das Olympiastadion einlief, wiesen die Ergebnislisten ihn als japanischen Athleten aus. Auf seinem Trikot trug er das Zeichen Japans, in den offiziellen Unterlagen stand der Name Kitei Son. Doch der Mann, der an diesem Tag olympisches Gold gewann, war Koreaner. Sein Name war Sohn Kee-chung.
Korea stand unter japanischer Kolonialherrschaft. Koreanische Athleten konnten bei den Olympischen Spielen daher nicht für ein eigenes Land antreten. Selbst ihre Namen wurden in den offiziellen Meldelisten japanisiert. Sohn gewann den Marathon, durfte diesen Erfolg aber weder unter seinem koreanischen Namen noch unter der Flagge seiner Heimat feiern.
Bei der Siegerehrung senkte er den Blick. Das junge Eichenbäumchen, das den Medaillengewinnern überreicht wurde, hielt er so vor seinen Körper, dass es einen Teil des japanischen Emblems auf seiner Kleidung verdeckte. Koreanische Zeitungen berichteten über den Sieg als koreanischen Erfolg. Die Zeitung „Dong-A Ilbo“ entfernte in einem veröffentlichten Bild sogar das japanische Symbol von Sohns Trikot – eine journalistische Geste, auf die die Kolonialmacht mit Repressionen reagierte.
Sohn Kee-chungs Geschichte ist deshalb weit mehr als eine olympische Randnotiz. Sie zeigt, wie wenig Kontrolle ein Athlet selbst im Augenblick seines größten Erfolges über die politische Bedeutung dieses Erfolges besitzen konnte. Sohn hatte das Rennen gewonnen. Über seinen Namen, seine Flagge und die nationale Zuordnung seiner Medaille entschieden andere.
Mehr als fünf Jahrzehnte später kehrte er bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul als Fackelläufer in das Stadion zurück. Nun trug er seinen koreanischen Namen und repräsentierte ein unabhängiges Südkorea. Zwischen dem gesenkten Kopf von Berlin und dem Empfang von Seoul lag nicht nur ein Sportlerleben, sondern ein grundlegender politischer Wandel.
Zátopek und die Neuerfindung des Langstreckenläufers
Auch Emil Zátopek schrieb dem Marathon eine Geschichte ein, die weit über eine Siegerzeit hinausging. Bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki gewann der Tschechoslowake zunächst die 10.000 Meter, anschließend die 5.000 Meter und schließlich auch den Marathon.
Dieses Triple ist bis heute einmalig.
Zátopeks Laufstil galt als alles andere als elegant. Sein Gesicht verzog sich unter der Belastung, sein Oberkörper wirkte angespannt, seine Bewegungen schienen mit zunehmender Renndauer immer mühsamer zu werden. Doch gerade diese sichtbare Anstrengung machte ihn für viele Menschen zugänglich. Zátopek sah nicht aus, als falle ihm das Laufen leicht. Er sah aus, als müsse er sich jeden Meter erarbeiten – und gewann trotzdem.
Sein Erfolg spiegelte zugleich den Wandel des Trainings wider. Zátopek experimentierte mit enormen Umfängen und intensiven Intervallserien. Der Langstreckenlauf wurde systematischer, härter und wissenschaftlich interessanter. Talent allein genügte nicht mehr. Training entwickelte sich zu einem planbaren Prozess, in dem Belastung, Erholung und Anpassung gezielt gesteuert wurden.
Der Marathon begann sich von einer heroischen Überlebensprüfung zu einer hoch spezialisierten Ausdauerdisziplin zu wandeln.
Abebe Bikila läuft barfuß in die Sportgeschichte
Acht Jahre nach Zátopeks Triumph führte der olympische Marathon durch das nächtliche Rom. Unter den Teilnehmern befand sich ein international kaum bekannter Äthiopier: Abebe Bikila.
Bikila lief barfuß.
Was später häufig als bewusst inszenierter Ausdruck natürlicher Überlegenheit dargestellt wurde, war zunächst eine pragmatische Entscheidung. Die verfügbaren Schuhe saßen nicht passend, und Bikila war es gewohnt, ohne sie zu trainieren. Auf dem römischen Pflaster erwies sich das nicht als Nachteil.
Der Äthiopier setzte sich von seinen Konkurrenten ab und gewann in Weltbestzeit. Er wurde damit zum ersten Athleten aus einem Staat südlich der Sahara, der bei Olympischen Spielen eine Goldmedaille errang.
Der Ort verlieh seinem Sieg zusätzliche Symbolkraft. Ein afrikanischer Läufer gewann in der Hauptstadt einer ehemaligen Kolonialmacht, deren Truppen Äthiopien wenige Jahrzehnte zuvor besetzt hatten. Bikila benötigte dafür keine politische Geste. Das Bild des barfüßigen Siegers genügte.
Vier Jahre später verteidigte er seinen Olympiatitel in Tokio. Diesmal lief er mit Schuhen. Kurz vor den Spielen hatte er sich einer Operation unterziehen müssen, dennoch gewann er erneut und wurde zum ersten Läufer mit zwei olympischen Marathonsiegen in Folge.
Bikilas Erfolge veränderten die Wahrnehmung des internationalen Langstreckenlaufs. Sie standen am Beginn einer Entwicklung, in deren Verlauf Athleten aus Äthiopien, Kenia und anderen ostafrikanischen Ländern die Weltspitze zunehmend prägten. Was 1960 noch als Überraschung erschien, wurde in späteren Jahrzehnten zu einem bestimmenden Merkmal des Marathonsports.
Frauen mussten sich ihren Platz auf der Strecke erkämpfen
Während Männer seit 1896 um olympische Marathonmedaillen liefen, blieben Frauen über Jahrzehnte ausgeschlossen. Funktionäre und Mediziner vertraten die Vorstellung, lange Ausdauerbelastungen seien für den weiblichen Körper ungeeignet. Teilweise wurde sogar behauptet, ein Marathon könne die Gesundheit oder Fortpflanzungsfähigkeit von Frauen gefährden.
Diese Annahmen beruhten weniger auf belastbaren Erkenntnissen als auf den gesellschaftlichen Rollenbildern ihrer Zeit. Frauen galten als körperlich zu schwach und emotional zu instabil für eine Disziplin, die Härte, Ausdauer und Selbstkontrolle verlangte. Gerade weil der Marathon als ultimative Bewährungsprobe verstanden wurde, wollten viele Funktionäre ihn den Männern vorbehalten.
Bobbi Gibb akzeptierte diese Grenze nicht.
Als sie sich 1966 für den Boston Marathon anmelden wollte, wurde ihre Bewerbung abgelehnt. Frauen seien physiologisch nicht in der Lage, die Distanz zu bewältigen, lautete sinngemäß die Begründung. Gibb reiste trotzdem nach Boston, versteckte sich in der Nähe des Starts und lief ohne offizielle Startnummer mit. Nach 3:21:40 Stunden erreichte sie das Ziel – vor einem großen Teil des männlichen Teilnehmerfeldes.

Ein Jahr später meldete sich Kathrine Switzer unter der geschlechtsneutralen Form „K. V. Switzer“ an und erhielt eine reguläre Startnummer. Während des Rennens bemerkte ein Funktionär, dass eine Frau offiziell teilnahm. Er lief auf die Strecke und versuchte, Switzer die Startnummer zu entreißen. Andere Läufer verhinderten, dass sie aus dem Rennen gedrängt wurde. Switzer setzte ihren Lauf fort und erreichte das Ziel.
Die Bilder dieses Angriffs wurden weltweit verbreitet. Sie machten sichtbar, dass es längst nicht mehr um die Frage ging, ob Frauen einen Marathon körperlich bewältigen konnten. Bobbi Gibb und andere Läuferinnen hatten das bereits bewiesen. Es ging um die Frage, ob Sportverbände bereit waren, ihre eigenen Vorurteile aufzugeben.
1972 führte der Boston Marathon schließlich eine offizielle Frauenwertung ein. Doch bis der Frauenmarathon olympisch wurde, vergingen weitere zwölf Jahre. Erst 1984 in Los Angeles standen Frauen erstmals bei Olympischen Spielen über die klassische Distanz am Start.
Die US-Amerikanerin Joan Benoit übernahm früh die Führung. Viele Beobachter hielten ihre Tempogestaltung für zu offensiv, doch Benoit ließ sich nicht mehr einholen. Sie gewann in 2:24:52 Stunden vor Grete Waitz aus Norwegen und Rosa Mota aus Portugal. Ausgerechnet jene Disziplin, die Frauen so lange mit angeblich medizinischen Argumenten verweigert worden war, lieferte bei ihrer olympischen Premiere ein sportlich hochklassiges Rennen.
Die Öffnung des Marathons für Frauen war nicht das freiwillige Ergebnis eines allmählichen Sinneswandels. Sie wurde von Läuferinnen erzwungen, die starteten, obwohl sie nicht vorgesehen waren, und die im Ziel Tatsachen schufen, denen sich die Verbände irgendwann nicht mehr entziehen konnten.
Der Marathon öffnet sich für den Rollstuhlsport
Auch Menschen mit Behinderung mussten um die Anerkennung ihrer Leistungen kämpfen. Ein wichtiger Schritt erfolgte 1975 in Boston, als Bob Hall die Erlaubnis erhielt, die Strecke in einem Rennrollstuhl zurückzulegen. Voraussetzung war zunächst, dass er innerhalb einer vorgegebenen Zeit das Ziel erreichte.
Hall bewältigte die Strecke und legte damit einen Grundstein für den professionellen Rollstuhlmarathon. Aus vereinzelten Teilnahmen entwickelten sich eigenständige Wettbewerbe mit spezialisierten Rennrollstühlen, internationaler Konkurrenz, Preisgeldern und anerkannten Rekorden.
Heute gehören Rollstuhlrennen bei vielen großen Stadtmarathons zum festen Programm. Hinzu kommen Wertungsklassen für weitere Formen körperlicher oder visueller Beeinträchtigungen. Sehbehinderte und blinde Läufer absolvieren die Strecke beispielsweise gemeinsam mit Guides.
Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Doch sie zeigt, wie sich die Bedeutung des Marathons verändert hat. Aus einer Disziplin, die zunächst einer kleinen Gruppe leistungsfähiger Männer vorbehalten war, wurde zunehmend ein Sport, in dem ganz unterschiedliche Körper, Voraussetzungen und Leistungsziele Raum finden.
Vom Vereinsrennen zum Spektakel der Großstadt
Noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war der Marathon vor allem eine Angelegenheit ambitionierter Vereins- und Leistungssportler. Die Teilnehmerfelder blieben überschaubar, die Strecken verliefen häufig über Landstraßen oder am Rand der Städte. Zuschauer standen nur an wenigen Punkten, Verpflegung und medizinische Betreuung waren mit heutigen Standards kaum vergleichbar.
In den 1960er- und 1970er-Jahren begann sich das Laufen grundlegend zu verändern. Jogging wurde zu einer populären Freizeit- und Gesundheitsbewegung. Immer mehr Menschen liefen nicht mehr ausschließlich, um Wettkämpfe zu gewinnen, sondern um fitter zu werden, Stress abzubauen oder ein persönliches Ziel zu erreichen.
Der Marathon wurde dadurch demokratischer. Seine Herausforderung blieb unverändert, aber der Zugang veränderte sich. Nicht mehr nur Spitzenathleten betrachteten die 42,195 Kilometer als erreichbares Ziel. Auch Freizeitläufer begannen, monatelang auf einen Start hinzuarbeiten.
Gleichzeitig entdeckten Großstädte den Marathon als öffentliche Inszenierung. Statt die Läufer aus dem Zentrum herauszuhalten, wurden zentrale Straßen, Plätze und Sehenswürdigkeiten bewusst in die Streckenführung eingebunden. Die Stadt war nicht länger bloß Austragungsort, sondern Teil des Erlebnisses.
Der moderne Stadtmarathon verbindet seitdem mehrere Welten. An der Spitze kämpfen Profis um Siege, Rekorde und Preisgelder. Dahinter verfolgen ambitionierte Amateure persönliche Bestzeiten. Andere möchten lediglich das Ziel erreichen. Entlang der Strecke stehen Zuschauer, Bands, freiwillige Helfer und Angehörige. Für einige Stunden wird der öffentliche Raum den Läufern überlassen.
Der Reiz liegt auch darin, dass alle dieselbe Strecke bewältigen. Zwischen dem Sieger und den letzten Finishern können viele Stunden liegen. Dennoch überqueren sie dieselben Start- und Ziellinien, laufen durch dieselben Straßen und erleben – bei vollkommen unterschiedlichem Tempo – dieselbe Distanz.
Die Geschichte des Berlin-Marathons
Die Entwicklung in Deutschland lässt sich besonders gut am Berlin-Marathon nachvollziehen. Als der erste Berliner Volksmarathon 1974 ausgetragen wurde, führte die Strecke noch weitgehend durch den Grunewald. 286 Läuferinnen und Läufer nahmen teil. Von einem internationalen Großereignis war die Veranstaltung weit entfernt.
1981 zog der Marathon in die Innenstadt West-Berlins. Bereits bei dieser ersten innerstädtischen Austragung starteten 3.486 Menschen. Der Lauf wurde sichtbarer, urbaner und attraktiver für Zuschauer.
Seine größte symbolische Veränderung erlebte der Berlin-Marathon 1990. Wenige Tage vor der deutschen Wiedervereinigung führte die Strecke erstmals durch das Brandenburger Tor. Ein Bauwerk, das jahrzehntelang an der Grenze zwischen Ost und West gestanden hatte, wurde nun zum Durchgang für Tausende Läufer.
Der Marathon machte den politischen Wandel körperlich erfahrbar. Die Teilnehmer durchquerten einen Raum, der ihnen kurz zuvor noch versperrt gewesen war. In diesem Moment war der Lauf mehr als eine Sportveranstaltung. Er wurde zu einem bewegten Bild der deutschen Einheit.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Berlin zu einer der schnellsten Marathonstrecken der Welt. Der flache Kurs, die professionelle Organisation und die starke internationale Konkurrenz schufen ideale Bedingungen für Rekorde. Zahlreiche Weltbestzeiten wurden in Berlin erzielt.
Damit schließt sich ein bemerkenswerter Kreis: Der Marathon, der einst aus einer Legende über eine militärische Botschaft entstand, wurde in Berlin zu einem Symbol für die Überwindung einer politischen Grenze.
Frankfurt und die Geburt des deutschen Stadtmarathons
Auch Frankfurt spielte bei der Entwicklung der deutschen Marathonszene eine zentrale Rolle. Am 17. Mai 1981 wurde dort der erste Hoechst-Marathon ausgetragen. 3.169 Meldungen lagen für die Premiere vor – eine für die damalige Zeit beachtliche Zahl.
Das Startsignal gab Emil Zátopek, jener Läufer, der 1952 in Helsinki olympisches Gold über 5.000 Meter, 10.000 Meter und im Marathon gewonnen hatte. Der Schwede Kjell-Erik Ståhl und Doris Schlosser aus Deutschland wurden die ersten Sieger des Rennens.
Frankfurt gilt als ältester deutscher Stadtmarathon, weil die Veranstaltung von Beginn an als großer urbaner Straßenlauf konzipiert war. Anders als viele ältere Landschafts- oder Vereinsläufe machte sie die Stadt selbst zum Bestandteil des Wettbewerbs.
Berlin und Frankfurt stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die sich in vielen deutschen Städten vollzog. Aus regionalen Rennen wurden professionell organisierte Großveranstaltungen. Elektronische Zeitmessung, Verpflegungsstationen, medizinische Versorgung, Startblöcke, Tempoläufer und Live-Tracking gehören heute zum Standard.
Auch die Bedeutung für die Städte wuchs. Marathonläufer reisen mit Familien und Freunden an, übernachten in Hotels, besuchen Restaurants und verbinden den Wettkampf mit einem Kurzurlaub. Der Marathon wurde zu einem wirtschaftlichen und touristischen Faktor – und zugleich zu einer Visitenkarte der jeweiligen Stadt.
Wenn bei Kilometer 30 die Gewissheit verschwindet
Trotz aller Professionalisierung hat der Marathon einen Teil seiner Unberechenbarkeit bewahrt. Eine gute Vorbereitung erhöht die Chancen auf ein erfolgreiches Rennen, garantiert es aber nicht.
Auf keiner anderen klassischen Laufdistanz müssen Athleten so lange mit den Folgen früher Entscheidungen leben. Wer die ersten Kilometer nur geringfügig zu schnell läuft, spürt den Fehler möglicherweise erst eine Stunde später. Dann lässt sich die verlorene Energie nicht mehr zurückholen.
Besonders gefürchtet ist der Leistungseinbruch im letzten Drittel des Rennens, umgangssprachlich als „Mann mit dem Hammer“ bezeichnet. Die Kohlenhydratspeicher des Körpers sind begrenzt. Werden Tempo und Energieaufnahme nicht aufeinander abgestimmt, sinkt die verfügbare Leistung deutlich. Gleichzeitig steigt die muskuläre Ermüdung, der Laufstil verliert an Stabilität und selbst kleine Anstiege können plötzlich überwältigend wirken.
Doch der Marathon ist nicht nur ein Stoffwechselproblem. Nach mehr als 30 Kilometern verändert sich auch die Wahrnehmung. Das Ziel ist rechnerisch nah, körperlich kann es unerreichbar erscheinen. Jeder weitere Kilometer verlangt eine neue Entscheidung: Tempo halten, reduzieren, gehen oder aufgeben.
Darin liegt ein wesentlicher Teil seiner Faszination. Der Marathon lässt sich nicht allein über Fitness bewältigen. Er verlangt Geduld, Selbstkenntnis und die Bereitschaft, einen Plan auch dann einzuhalten, wenn sich das Anfangstempo beinahe zu leicht anfühlt.
Für Freizeitläufer besteht die eigentliche Leistung daher oft nicht in der Zielzeit. Sie liegt in den Monaten davor: in langen Trainingsläufen bei schlechtem Wetter, in der Anpassung des Alltags, in Rückschlägen, Müdigkeit und Zweifeln. Der Zieleinlauf verdichtet diese Vorgeschichte in einem einzigen Moment.
Die Professionalisierung verändert die Grenzen
Im Spitzensport wurde der Marathon im Laufe des 20. und frühen 21. Jahrhunderts immer stärker optimiert. Trainingssteuerung, Leistungsdiagnostik, Höhenaufenthalte, Ernährung und Regeneration entwickelten sich weiter. Veranstalter suchten schnellere Strecken, verpflichteten Tempomacher und legten Startzeiten nach möglichst günstigen Wetterbedingungen fest.
Auch die Laufschuhe veränderten sich. Moderne Wettkampfmodelle kombinieren besonders leichte und reaktive Schaumstoffe mit steifen Platten, häufig aus Carbonfaser. Sie sollen den Energieverlust bei jedem Schritt reduzieren und die Laufökonomie verbessern.
Damit entstand eine neue Debatte. Wo endet sportlicher Fortschritt, und wo beginnt ein technischer Vorteil, der den Charakter des Wettbewerbs verändert? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Schließlich war der Marathon nie frei von Technologie. Schuhe, Straßenbeläge, Zeitmessung, Trainingsgeräte und Ernährungsprodukte beeinflussten die Leistungen schon lange vor den modernen Carbonmodellen.
Neu ist vor allem das Ausmaß. In einer Disziplin, in der Weltrekorde um Sekunden verbessert werden, kann bereits eine geringe Steigerung der Laufökonomie entscheidend sein.
Die Jagd auf die Zwei-Stunden-Grenze
Über Jahrzehnte galt ein Marathon in weniger als zwei Stunden als eine der letzten großen Grenzen des Ausdauersports. Um sie zu unterbieten, muss ein Läufer die gesamte Distanz mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von mehr als 21 Kilometern pro Stunde bewältigen. Jeder Kilometer muss im Mittel deutlich unter 2:51 Minuten liegen.
2019 zeigte Eliud Kipchoge in Wien erstmals, dass ein Mensch die Distanz in weniger als zwei Stunden zurücklegen kann. Das Rennen war allerdings kein regulärer Wettkampf. Wechselnde Tempomacher, ein Führungsfahrzeug und speziell kontrollierte Bedingungen machten die Leistung nicht rekordfähig. Sporthistorisch war sie dennoch bedeutsam: Die Grenze war nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit.
Am 26. April 2026 fiel sie schließlich auch in einem regulären Rennen. Sabastian Sawe gewann den London Marathon in 1:59:30 Stunden und unterbot den vorherigen Weltrekord um 65 Sekunden. Hinter ihm blieb auch Yomif Kejelcha mit 1:59:41 Stunden unter zwei Stunden. World Athletics führt Sawes Zeit als offiziellen Marathonweltrekord.
Damit erreichte die Geschichte des Marathons einen vorläufigen Höhepunkt. Zwischen Spyridon Louis’ Sieg von 1896 und Sawes Weltrekord von 2026 liegen 130 Jahre. Die Strecke wurde nur geringfügig länger, die schnellsten Athleten bewältigen sie inzwischen jedoch nahezu eine Stunde schneller.
Die Zwei-Stunden-Grenze zeigt, wie sehr sich der Marathon verändert hat. Sie zeigt aber auch, wie vorsichtig historische Vergleiche behandelt werden müssen. Straßen, Schuhe, Training, Verpflegung, medizinische Betreuung und Wettkampforganisation sind mit den Bedingungen früherer Generationen kaum vergleichbar. Die Athleten laufen dieselbe Distanz, aber nicht unter denselben Voraussetzungen.
Warum der Marathon mehr als ein Rennen ist
Die anhaltende Faszination des Marathons lässt sich nicht allein mit Rekorden erklären. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Teilnehmer läuft um Siege oder internationale Bestzeiten. Trotzdem melden sich jedes Jahr Hunderttausende Menschen für die 42,195 Kilometer an.
Der Marathon bietet etwas, das im modernen Sport selten geworden ist: ein gemeinsames Ziel bei vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen. Ein Weltklasseläufer kann die Strecke in weniger als zwei Stunden bewältigen, ein Freizeitläufer benötigt vielleicht vier, fünf oder sechs Stunden. Beide müssen ihre Kräfte einteilen, mit Ermüdung umgehen und die volle Distanz zurücklegen.
Hinzu kommt die gesellschaftliche Dimension. Viele Teilnehmer laufen für gemeinnützige Organisationen, erinnern an verstorbene Angehörige oder markieren mit dem Rennen einen persönlichen Neubeginn. Andere möchten nach einer Krankheit, einer Gewichtsabnahme oder einer schwierigen Lebensphase beweisen, dass sie wieder Kontrolle über ihren Körper und ihren Alltag gewonnen haben.
Der Marathon liefert dafür eine klare, unbestechliche Zahl: 42,195 Kilometer. Die Distanz lässt sich nicht verkürzen und nicht diskutieren. Wer das Ziel erreicht, hat sie bewältigt.
Diese Einfachheit verleiht dem Marathon seine symbolische Kraft. Er ist lang genug, um Vorbereitung zu verlangen, aber für viele gesunde und konsequent trainierende Menschen grundsätzlich erreichbar. Er liegt genau an jener Grenze, an der aus einem sportlichen Vorhaben ein langfristiges Projekt wird.
Eine Geschichte aus Mythos, Macht und menschlicher Ausdauer
Die Geschichte des Marathons begann nicht mit einem zweifelsfrei belegten Lauf von Marathon nach Athen. Sie begann mit einer Legende, die sich als stärker erwies als die historische Überlieferung.
Michel Bréal verwandelte diese Legende 1896 in einen olympischen Wettbewerb. Spyridon Louis gab der neuen Disziplin ihren ersten Helden. Dorando Pietri zeigte 1908, wie eng Triumph und Zusammenbruch beieinanderliegen können. Die zufällige Länge der Londoner Strecke wurde zur weltweiten Norm.
Später wurde der Marathon zur politischen Bühne. Sohn Kee-chung gewann olympisches Gold, durfte seinen Sieg jedoch nicht unter seinem eigenen Namen feiern. Abebe Bikila lief barfuß durch Rom und veränderte den Blick auf den afrikanischen Langstreckenlauf. Bobbi Gibb, Kathrine Switzer und viele weitere Frauen bewiesen nicht nur, dass sie einen Marathon laufen konnten – sie zwangen die Sportorganisationen, ihren Ausschluss zu beenden.
Aus kleinen Rennen mit wenigen Teilnehmern entstanden Großveranstaltungen, die ganze Städte in Bewegung setzen. Wissenschaftliches Training, professionelle Organisation und technische Entwicklungen verschoben die Leistungsgrenzen, bis schließlich auch die lange für unerreichbar gehaltene Zwei-Stunden-Marke in einem regulären Rennen fiel.
Doch trotz all dieser Veränderungen blieb der Kern des Marathons erstaunlich konstant. Noch immer steht am Anfang eine Distanz, deren tatsächliche Bedeutung sich erst unterwegs erschließt. Noch immer kann ein Läufer auf den ersten Kilometern überzeugt sein, alles unter Kontrolle zu haben, und später um jeden Schritt kämpfen. Noch immer erzählt jeder Zieleinlauf eine eigene Geschichte.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Stellung des Marathons. Er misst nicht nur Geschwindigkeit. Er macht sichtbar, was geschieht, wenn Planung auf Ungewissheit, Ehrgeiz auf Erschöpfung und der Wille auf eine scheinbar endlose Straße trifft.
Die 42,195 Kilometer sind deshalb mehr als eine standardisierte Wettkampfdistanz. Sie sind ein Stück Sport-, Kultur- und Zeitgeschichte – und werden mit jedem Menschen, der sich an ihre Startlinie stellt, weitergeschrieben.
Häufige Fragen zur Geschichte des Marathons
- Woher stammt der Name Marathon?
Der Marathon ist nach dem griechischen Ort Marathon benannt. Dort besiegten die Athener im Jahr 490 vor Christus ein persisches Heer. Der modernen Legende zufolge lief anschließend ein Bote nach Athen, um den Sieg zu melden. Historisch belegt ist dagegen vor allem ein wesentlich längerer Botenlauf des Pheidippides von Athen nach Sparta vor der Schlacht. - Ist Pheidippides wirklich von Marathon nach Athen gelaufen?
Dafür gibt es keinen verlässlichen zeitgenössischen Nachweis. Herodot, die wichtigste frühe Quelle, berichtet nicht von diesem Lauf. Die bekannte Erzählung entstand erst in späteren Überlieferungen und verbindet vermutlich mehrere Ereignisse und Personen miteinander. - Gab es den Marathon bereits bei den Olympischen Spielen der Antike?
Nein. Die Olympischen Spiele der Antike kannten verschiedene Laufwettbewerbe, aber keinen Marathon über rund 40 oder 42 Kilometer. Der Marathon wurde erst für die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit im Jahr 1896 geschaffen. - Wer gewann den ersten olympischen Marathon?
Der Grieche Spyridon Louis gewann den ersten olympischen Marathon am 10. April 1896. Die Strecke von Marathon nach Athen war ungefähr 40 Kilometer lang. Louis erreichte das Ziel nach 2:58:50 Stunden und wurde anschließend zum griechischen Nationalhelden. - Warum ist ein Marathon genau 42,195 Kilometer lang?
Die Distanz geht auf den olympischen Marathon von London 1908 zurück. Die Strecke führte vom Gelände des Windsor Castle bis vor die königliche Loge im White City Stadium. Daraus ergaben sich 26 Meilen und 385 Yards beziehungsweise 42,195 Kilometer. 1921 wurde diese Länge international als Standard festgelegt. - Welcher Marathon ist der älteste der Welt?
Der Boston Marathon gilt als ältester jährlich ausgetragener Marathon. Die erste Veranstaltung fand am 19. April 1897 statt. Damals gingen lediglich 15 Männer auf eine rund 24,5 Meilen lange Strecke. - Wann durften Frauen offiziell Marathon laufen?
Einzelne Frauen liefen bereits in den 1960er-Jahren gegen die damaligen Ausschlussregeln. Der Boston Marathon führte 1972 eine offizielle Frauenwertung ein. Bei Olympischen Spielen wurde der Frauenmarathon erstmals 1984 in Los Angeles ausgetragen. Siegerin war Joan Benoit. - Wer lief den ersten offiziellen Marathon unter zwei Stunden?
Sabastian Sawe gewann am 26. April 2026 den London Marathon in 1:59:30 Stunden. Es war der erste offiziell rekordfähige Marathon unter zwei Stunden. Eliud Kipchoge hatte die Grenze bereits 2019 in Wien unterschritten, allerdings unter speziell arrangierten Bedingungen, die keine Anerkennung als Weltrekord erlaubten.
Einzelnachweise
- Herodot: Historien, Buch VI, Kapitel 105–106. Herodot beschreibt Phidippides als berufsmäßigen Langstreckenläufer, der vor der Schlacht von Athen nach Sparta geschickt wurde. Ein Lauf von Marathon nach Athen mit anschließendem Tod wird bei Herodot nicht geschildert. Verfügbar bei LacusCurtius, University of Chicago: Herodot – Historien, Buch VI.
- Plutarch: On the Fame of the Athenians / De gloria Atheniensium, Abschnitt 347C. Plutarch nennt Thersippos beziehungsweise Eukles als Überbringer der Nachricht vom Sieg bei Marathon und überliefert den Tod des Boten nach seiner Ankunft. Verfügbar bei LacusCurtius, University of Chicago: Plutarch – De gloria Atheniensium.
- Lukian von Samosata: A Slip of the Tongue in Greeting / Pro lapsu inter salutandum, Abschnitt 3. In dieser späteren antiken Überlieferung wird Philippides als Bote bezeichnet, der die Siegesnachricht aus Marathon überbringt. Verfügbar im Scaife Viewer der Perseus Digital Library: Lukian – A Slip of the Tongue in Greeting.
- International Olympic Committee: Ancient Olympic Sports – Running, long jump, discus, pankration. Übersicht über die Wettkämpfe der antiken Olympischen Spiele. Die Quelle zeigt, dass verschiedene Laufwettbewerbe, aber kein Marathon über 40 oder 42,195 Kilometer zum antiken Programm gehörten. Ancient Olympic Sports.
- World Athletics (2021): “A Greek! A Greek!” – 125th anniversary of the first Olympic marathon. Historische Darstellung zur Idee Michel Bréals, zur Einführung des Marathons bei den Olympischen Spielen 1896 und zum Sieg von Spyridon Louis. World Athletics – First Olympic Marathon.
- International Olympic Committee (2025): The inaugural modern Olympic marathon. Offizielle Darstellung des ersten modernen olympischen Marathons von Athen 1896 und seiner Bedeutung für die olympische Bewegung. IOC – The inaugural modern Olympic marathon.
- London Museum: The first London Olympics, 1908. Darstellung des olympischen Marathons von London, der Streckenführung von Windsor Castle zum White City Stadium, der Distanz von 42,195 Kilometern sowie des dramatischen Zieleinlaufs und der Disqualifikation Dorando Pietris. London Museum – The first London Olympics, 1908.
- International Olympic Committee (2024): Chasing history: The evolution of the men’s and women’s marathon world records. Historische Übersicht über die Entwicklung der Marathondistanz und ihre Standardisierung auf 42,195 Kilometer durch den internationalen Leichtathletikverband im Jahr 1921. IOC – Evolution of marathon world records.
- Boston Athletic Association: Boston Marathon History. Offizielle Chronik des Boston-Marathons. Sie dokumentiert unter anderem die Premiere am 19. April 1897 mit 15 Teilnehmern, den Sieg John J. McDermotts, Bobbi Gibbs Teilnahme 1966, Kathrine Switzers Start 1967, die Einführung der Frauenwertung 1972 und die Anerkennung Bob Halls als Rollstuhlteilnehmer 1975. Boston Athletic Association – History.
- International Olympic Committee: Kitei Son – Athlete Profile. Offizielles Athletenprofil von Sohn Kee-chung. Die Quelle dokumentiert seine koreanische Herkunft, seinen Start unter dem japanisierten Namen Kitei Son und seinen Olympiasieg im Marathon von Berlin 1936. IOC – Kitei Son.
- International Olympic Committee: Seoul 1988 Olympic Torch Relay. Dokumentation des olympischen Fackellaufs von Seoul 1988. Sohn Kee-chung wird darin als Marathonsieger von 1936 genannt, der damals unter dem Namen Kitei Son antreten musste. IOC – Seoul 1988 Olympic Torch Relay.
- Korea.net (2025): “I am Korean, not Japanese”: exhibition honors iconic runner. Beitrag des offiziellen südkoreanischen Informationsportals über Sohn Kee-chungs sportliche Leistung, seine koreanische Identität und die politische Bedeutung seines Olympiasiegs von 1936. Korea.net – Ausstellung über Sohn Kee-chung.
- The Dong-A Ilbo (2025): Dong-A Ilbo’s defiant edit of Sohn photo honored. Dokumentation des bearbeiteten Siegerfotos, auf dem die japanische Flagge von Sohn Kee-chungs Kleidung entfernt wurde, sowie der historischen Hintergründe dieser journalistischen Protestaktion. The Dong-A Ilbo – Defiant edit of Sohn photo.
- World Athletics (2022): Marking the centenary of the birth of Zatopek. Historische Würdigung Emil Zátopeks und seines bis heute einmaligen olympischen Dreifacherfolgs über 5.000 Meter, 10.000 Meter und im Marathon bei den Spielen von Helsinki 1952. World Athletics – Emil Zátopek.
- International Olympic Committee: Barefooted Bikila steps in for heroic marathon triumph. Offizielle olympische Darstellung von Abebe Bikilas barfüßigem Marathonsieg bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. IOC – Abebe Bikila in Rom 1960.
- World Athletics (2024): “This win is a triumph for women’s athletics” – 40 years since Benoit’s Olympic marathon win. Rückblick auf den ersten olympischen Frauenmarathon bei den Spielen von Los Angeles 1984 und den Sieg der US-Amerikanerin Joan Benoit. World Athletics – Joan Benoits Olympiasieg.
- BMW Berlin-Marathon / SCC Events: Die Geschichte des Berlin-Marathon. Offizielle Veranstaltungschronik zur Premiere 1974 mit 286 Teilnehmenden, zum Umzug in die Berliner Innenstadt 1981 und zum ersten Lauf durch das Brandenburger Tor wenige Tage vor der deutschen Wiedervereinigung 1990. BMW Berlin-Marathon – Historie.
- Mainova Frankfurt Marathon: Historie. Offizielle Chronik des Frankfurt-Marathons. Sie dokumentiert die Premiere am 17. Mai 1981, die 3.169 Meldungen, Emil Zátopek als Starter sowie Kjell-Erik Ståhl und Doris Schlosser als erste Sieger. Mainova Frankfurt Marathon – Historie.
- INEOS 1:59 Challenge: INEOS 1:59 Challenge. Offizielle Dokumentation von Eliud Kipchoges Lauf am 12. Oktober 2019 in Wien, bei dem er die Marathondistanz unter speziell geschaffenen Bedingungen in 1:59:40,2 Stunden bewältigte. INEOS 1:59 Challenge.
- London Marathon Events (2026): 2026 TCS London Marathon makes sporting history as Sawe breaks landmark two-hour mark. Offizieller Veranstaltungsbericht über Sabastian Sawes Sieg am 26. April 2026 in 1:59:30 Stunden und den ersten Marathon unter zwei Stunden in einem regulären Wettkampf. London Marathon Events – Sawe durchbricht die Zwei-Stunden-Marke.
- World Athletics: Men’s Marathon Records. Offizielle Rekordliste des internationalen Leichtathletikverbandes. Dort wird Sabastian Sawe mit 1:59:30 Stunden als Inhaber des Männer-Weltrekords über die Marathondistanz geführt. World Athletics – Men’s Marathon Records.
